Beschaltung von MHz-Schwingquarzen

Beschaltung von MHz-Schwingquarzen

Pierce-Oszillator: Dimensionierung, Lastkapazität und EMV-Optimierung

1 Einleitung und Zielsetzung

Schwingquarze (Quarz-Resonatoren) sind das bevorzugte Frequenzreferenzelement in vielfältigen Applikationen. Ihre hervorragende Frequenzstabilität und ihre geringe Baugröße machen sie unverzichtbar – vorausgesetzt, die umgebende Beschaltung ist korrekt dimensioniert.

Diese Application Note behandelt praxisorientiert die Beschaltung von MHz-Schwingquarzen in einer klassischen Pierce-Oszillator-Schaltung.

Schwerpunkte sind:

  • Funktion und Wahl des seriellen Widerstands R_S
  • Berechnung und Auswahl der Lastkapazitäten C1 / C2
  • Sicherstellung des zuverlässigen Anschwingens unter allen Betriebsbedingungen
  • EMV-Optimierung gemäß CISPR 25 – Reduktion von Oberwellenemissionen

 

2 Problemstellung

Es geht in dieser Applikation Note konkret um einen 40 MHz Grundtonquarz im 3.2x2.5mm/4pad Keramikgehäuse mit der Lastkapazität von 12 pF. Der Arbeitstemperaturbereich beträgt -40/+125°C, bzw. der ESR max. 35 Ohm (-40/+125°C) für diesen AEC-Q200 kompatiblen LOW ESR 40 MHz Quarz. Die Frequenztoleranz des Schwingquarzes wurde mit ±10ppm bei +25°C, und einer Temperaturstabilität von ±50 ppm über den Temperaturbereich von -40/+125°C spezifiziert. 

In der Neuentwicklung einer Automotive-Applikation stellte der Kunde fest, dass bei der Emissionsmessung nach CISPR-25 eine Grenzwertüberschreitung bei ca. 360 MHz festgestellt wurde, die möglicherweise mit dem Schwingquarz zusammenhängen kann. 

In der Oszillatorschaltung ist ein Parallelwiderstand von 1 Mohm enthalten, sowie ein serieller Widerstand und zwei Kapazitäten von jeweils 12pF to GND.

Frage vom Kunden: Wie muss er den R_S dimensionieren, so dass es keine EMV-Einstrahlungen mehr gibt und worauf muss er des Weiteren achten, hinsichtlich Frequenzgenauigkeit und Anschwingverhalten des 40 MHz Schwingquarzes?

3 Grundlagen des Pierce-Oszillators

3.1 Schaltungstopologie

Der Pierce-Oszillator besteht aus vier Kernkomponenten:

BauteilFunktion
CMOS-InverterSpannungsverstärker mit invertierender Charakteristik; liefert den negativen Widerstand R_neg
R_P (1 MΩ)Parallelwiderstand; stellt den DC-Arbeitspunkt des Inverters ein, erzwingt linearen Betrieb beim Start
R_S (seriell)Begrenzt Treibleistung, dämpft Oberwellen, stabilisiert Amplitude; kritisches Stellglied
C1 / C2 (nach GND)Bilden mit dem Quarzschwinger das Phasenschiebernetzwerk; bestimmen die effektive Lastkapazität C_L
QuarzHochgütige Serienresonanz; schwingt parallel zur spezifizierten Lastkapazität CL

3.2 Schwingbedingung (Barkhausen-Kriterium)

Damit der Oszillator anschwingt und stabil bleibt, müssen zwei Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein:

  • Amplitudenbedingung: |R_neg| > ESR des Quarzes (typisch Faktor 5× empfohlen)
  • Phasenbedingung: Die Gesamtphasendrehung im Rückkopplungspfad beträgt 360°

Der negative Eingangswiderstand R_neg eines typischen CMOS-Inverters liegt bei 40 MHz im Bereich von −200 Ω bis −1000 Ω. Bei einem ESR von 35 Ω ist die Amplitudenbedingung prinzipiell leicht erfüllbar – ohne R_S jedoch unkontrolliert und mit hoher Treibleistung verbunden.

Hinweis: Die Verstärkungsreserve (gain margin) sollte mindestens den Faktor 5 über dem Mindestwert betragen, um Schwankungen über Temperatur, Versorgungsspannung und Bauteiltoleranz abzudecken. Für Automotive-Applikationen beträgt der geforderte Anschwingsicherheitsfaktor >10.

4 Der serielle Widerstand R_S

4.1 Funktion und Bedeutung

R_S ist – entgegen dem ersten Eindruck – kein optionaler Bestückungsplatz, sondern ein funktionskritisches Bauteil mit mehreren Aufgaben:

Funktion von R_SErläuterung
Treibleistungs-BegrenzungVerhindert übermäßigen Stromfluss durch den Quarz; schützt vor mechanischer Überlastung und verlängert dadurch die Lebensdauer des Schwingquarzes
AmplitudenstabilisierungReduziert effektiven negativen Widerstand auf ein geregeltes Maß
TiefpassfilterungBildet mit C1/C2 ein RC-Tiefpassfilter, das Oberwellen und parasitäre Resonanzen dämpft
EntkopplungIsoliert den niederohmigen CMOS-Ausgang von der kapazitiven Last; verbessert Phasenreserve

4.2 Dimensionierungsempfehlung

Für einen 40-MHz-Quarz mit ESR = 35 Ω und C_L = 12 pF gelten folgende Richtwerte:

SzenarioR_S WertAnmerkung
Konservativ – sicheres Anschwingen220 ΩMaximale Verstärkungsreserve; Oberwellendämpfung moderat
Ausgewogen – Empfehlung330 ΩGuter Kompromiss zwischen Startverhalten und EMV
EMV-optimiert470 ΩStärkste Oberwellenunterdrückung; geringfügig längere Einschwingzeit

Hinweis: Empfehlung: Mit R_S = 330 Ω bis 470 Ω liegt man für den Frequenzbereich 10–50 MHz in der Praxis immer auf der sicheren Seite. Bei nachgewiesenen EMV-Problemen ist 470 Ω der erste Ansatzpunkt.

4.3 Grenzbetrachtung

Ein zu großes R_S kann die Schwingbedingung verletzen, wenn der negative Widerstand des Inverters gering ist. Faustregel für die Obergrenze:

R_S_max ≈ |R_neg| / 5 − ESR

Bei R_neg = −300 Ω (konservative Annahme für 40 MHz): R_S_max ≈ 300/5 − 35 = 25 Ω … Das zeigt: Der tatsächliche negative Widerstand muss bekannt oder aus dem Datenblatt des verwendeten IC abgeleitet sein. Im Zweifelsfall immer Messungen bei Tmin und Vcc_min durchführen.

Achtung: Ist R_neg unbekannt: R_S = 330 Ω mit Verifikation durch Inbetriebnahmemessung (Oszilloskop, Spektrumanalyzer) bei Extrembedingungen (−40 °C, Vcc_min).

5 Lastkapazitäten C1 und C2

5.1 Berechnung der effektiven Lastkapazität

Die effektive Lastkapazität C_L_eff, die der Quarz sieht, ergibt sich aus der Reihenschaltung von C1 und C2 zuzüglich der parasitären Streukapazität C_stray der Leiterbahn und des IC-Pads:

C_L_eff = (C1 × C2) / (C1 + C2) + C_stray

C_stray liegt auf einem typischen PCB im Bereich 2–5 pF. Für die Auslegung wird C_stray = 3 pF als realistische Annahme verwendet.

5.2 Vergleich: 12 pF vs. 18 pF je Kondensator

ParameterC1 = C2 = 12 pFC1 = C2 = 18 pF
C_L_eff (C_stray = 3 pF)6 + 3 = 9 pF9 + 3 = 12 pF ✓
Abweichung von Spec. (12 pF)−3 pF (−25 %)0 pF (Zielwert)
Frequenzfehlerpositiv (zu hoch)nominell korrekt
Tiefpass-Eckfrequenz (R_S=330Ω)ca. 40 MHzca. 27 MHz
Oberwellendämpfung @360 MHzca. 19 dBca. 22 dB
Empfindlichkeit auf C_strayhoch (33 %)niedrig (17 %)

5.3 Empfehlung

C1 + C2 = 18 pF ist die optimale Wahl für einen Quarz mit der Lastkapazität von C_L = 12 pF auf einem Standard-PCB. Diese Wahl:

  • trifft die spezifizierte Lastkapazität bei C_stray ≈ 3 pF nahezu exakt
  • reduziert den positiven Frequenzfehler gegenüber C1=C2=12 pF vollständig
  • verbessert die Oberwellenunterdrückung um ca. 3 dB
  • ist weniger empfindlich gegenüber Streukapazitätsvariationen im Layout

Hinweis: Kann C_stray auf dem PCB nicht sicher abgeschätzt werden, empfiehlt sich die Bestückung von 22 pF mit der Möglichkeit, auf 18 pF oder 15 pF zu reduzieren (NP-Bestückungsplätze). Dies erlaubt eine iterative Frequenzoptimierung ohne PCB-Redesign.

6 EMV-Optimierung – CISPR 25

6.1 Ursache der Oberwellenemission bei 360 MHz

Eine Grenzwertüberschreitung bei 360 MHz im Rahmen von CISPR-25-Messungen ist bei 40-MHz-Pierce-Oszillatoren ein bekanntes Phänomen. 360 MHz entspricht der 9. Harmonischen des Grundschwingung (9 × 40 MHz = 360 MHz).

Die Hauptursache liegt in der steilen Flankensteilheit des CMOS-Inverters: Schaltzeiten im Bereich 0,5–2 ns erzeugen ein reichhaltiges Oberwellenspektrum, das ohne ausreichende Tiefpassfilterung ungedämpft auf die Leiterbahnen gelangt.

6.2 Wirkungskette und Dämpfungsberechnung

Das RC-Tiefpassfilter, das R_S gemeinsam mit C1 (oder C2) bildet, liefert folgende Dämpfung bei 360 MHz:

Dämpfung [dB] = 20 × log₁₀(f / f_c) mit f_c = 1 / (2π × R_S × C)

Kombination R_S / CEckfrequenz f_cDämpfung @360 MHz
330 Ω / 12 pF40,3 MHz~19 dB
330 Ω / 18 pF26,8 MHz~22 dB
470 Ω / 18 pF18,8 MHz~25 dB
470 Ω / 22 pF15,4 MHz~27 dB

6.3 Maßnahmenpaket

Folgende Maßnahmen werden in Prioritätsreihenfolge empfohlen:

MaßnahmeBeschreibung / Erwarteter Effekt
1. R_S erhöhen auf 470 ΩDirekteste Maßnahme; senkt Flankensteilheit und verschiebt Tiefpass-Eckfrequenz
2. C1/C2 auf 18 pF erhöhenVerbessert Tiefpasswirkung, korrigiert gleichzeitig die Arbeitsfrequenz des Quarzes 
3. Entkopplung V_CC OszillatorstufeSerienferrit (z. B. 600 Ω @100 MHz) auf V_CC verhindert Abstrahlung über Versorgungsnetz
4. PCB-Layout optimierenRückkopplungsnetz (R_S, C1, C2) eng am IC platzieren; Quarz auf GND legen (normalerweise Pads #2 und #4 bei 4pad Gehäusen)
5. Gehäuse / AbschirmungBei sehr strengen CISPR-25-Klassen: metallische Abschirmkappe über Oszillatorstufe

Achtung: Keine der Maßnahmen sollte isoliert betrachtet werden. Die Kombination aus R_S = 470 Ω und C1/C2 = 18 pF ist der erste empfohlene Schritt; sie adressiert die Ursache (Tiefpassfilterung) und nicht nur das Symptom.

7 Dimensionierungscheckliste

Diese Checkliste fasst alle Schritte für eine korrekte Pierce-Oszillator-Beschaltung zusammen:

SchrittAktion / Prüfpunkt
✅ Quarz-ParameterESR, C_L, Nennfrequenz aus Datenblatt entnehmen
✅ C_L_eff berechnenFormel: C_L_eff = C1×C2/(C1+C2) + C_stray; C_stray schätzen oder messen
✅ C1/C2 wählenZiel: C_L_eff ≈ spez. C_L; für C_L=12 pF → C1=C2=18 pF
✅ R_P bestücken1 MΩ parallel zum Quarz-Zweig; DC-Arbeitspunkt des Inverters
✅ R_S wählen330 Ω (Standard) oder 470 Ω (EMV-optimiert); nie < 100 Ω bei f > 10 MHz
✅ VerstärkungsreserveBei bekanntem R_neg: |R_neg| > 5 × (ESR + R_S) prüfen
✅ AnlauftestInbetriebnahme bei Vcc_min und T_min; Anschwingen mit Oszilloskop verifizieren
✅ FrequenzgenauigkeitFrequenz mit Referenzmessgerät messen; ggf. C1/C2 anpassen
✅ EMV-VortestSpektrumanalyzer: Oberwellen bis 1 GHz prüfen; CISPR-25-Klasse beachten
✅ Layout-ReviewSchleifenfläche Quarz-Rückkopplungspfad minimieren; kein Leitungsrouting darunter

8 Referenzschaltung: 40-MHz-Quarz

Die folgende Tabelle zeigt die vollständig dimensionierte Referenzbeschaltung für einen 40-MHz-Quarz mit C_L = 12 pF und ESR = 35 Ω:

BauteilWertBemerkung
Quarz40 MHz, C_L=12 pF, ESR=35 ΩBeispiel-Typ; Parametrierung gilt sinngemäß
R_P1 MΩParallel; DC-Arbeitspunkt; 5 % Toleranz ausreichend
R_S470 ΩSeriell; EMV-optimiert; 1 % oder 5 % Toleranz
C118 pFNach GND; COG/NP0; 5 % Toleranz
C218 pFNach GND; COG/NP0; 5 % Toleranz
C_stray (PCB)~3 pFAnnahme; layoutabhängig; ggf. anpassen
C_L_eff (berechnet)~12 pF= 18×18/(18+18) + 3 = 9 + 3 ≈ 12 pF ✓
Ferrit V_CC (optional)600 Ω @100 MHzNur bei strengen EMV-Anforderungen

9 Häufige Fehler und Abhilfemaßnahmen

FehlerbildUrsacheAbhilfe
Quarz schwingt nicht anR_S zu groß; R_neg des IC zu niedrig; C1/C2 zu großR_S reduzieren; IC wechseln; C1/C2 verkleinern
Frequenz zu hochC_L_eff < spez. C_L (C1/C2 zu klein)C1/C2 erhöhen (z. B. 12→18 pF)
Frequenz zu niedrigC_L_eff > spez. C_L (C1/C2 zu groß)C1/C2 reduzieren
Oberwellen / EMV-FehlerR_S fehlt oder zu klein; C1/C2 zu kleinR_S = 470 Ω, C1/C2 = 18 pF, Ferrit V_CC
Anschwingen temperaturabhängigGeringe VerstärkungsreserveVerstärkungsreserve erhöhen; R_S reduzieren
Quarz-Alterung / AusfälleDrive Level zu hoch (kein R_S)R_S unbedingt bestücken; Treibleistung prüfen

10 Weiterführende Normen und Literatur

  • IEC 60122-1: Quarz-Resonatoren – Definitionen und Messverfahren
  • CISPR 25: Grenzwerte und Messverfahren für Funkentstörung in Fahrzeugen
  • Colpitts, E. H. (1918): Ursprungspatent des Colpitts-/Pierce-Oszillators
  • Marvin, A. / Dawson, J.: Crystal Oscillator Design and Temperature Compensation, Van Nostrand Reinhold

 

Haftungsausschluss: Diese Application Note dient ausschließlich zur Orientierung. Alle Dimensionierungen sind durch Messung am Endprodukt zu verifizieren. Für etwaige Schäden, die aus der Anwendung dieser Informationen entstehen, gibt es keine Haftungsansprüche gegenüber der PETERMANN-TECHNIK GmbH. 

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