Negativen Eingangswiderstand −Rneg und Anschwingsicherheitsreserve prüfen

Negativen Eingangswiderstand −Rneg und Anschwing-sicherheitsreserve prüfen

Praxis-Messmethoden zum Post „Quarze optimal auf ICs abstimmen“ – Abschnitte F.1 – F.4, 1 und 3

zum Lexikon-Artikel : Quarze optimal auf ICs abstimmen

Worum es geht

Der negative Eingangswiderstand −Rneg einer Oszillatorstufe ist die aktive Energiequelle, die die Verluste im Quarz (ESR) kompensiert und die Schwingung anwachsen lässt. Der Wert von −Rneg bestimmt unmittelbar, wie zuverlässig ein Quarz anschwingt – insbesondere bei niedriger Versorgungsspannung, niedriger Temperatur und in Low-Power-MCUs, deren Oszillatorstufen aus Effizienzgründen bewusst schwach ausgelegt sind.

Dieser Post zeigt die messtechnische Ermittlung von |−Rneg| und der daraus abgeleiteten Anschwingsicherheitsreserve im realen Zielsystem. Die beschriebene Serienwiderstandsmethode ist die in der Praxis etablierte, von vielen MCU-Herstellern (ST, NXP, Infineon, Microchip, Renesas, Silicon Labs) empfohlene Prüfmethode.

Grundlage: Anschwingbedingung

Ein Pierce-Oszillator schwingt sicher an, wenn die aktive Verstärkung der Inverterstufe die Verluste im Quarzkreis überwiegt. Formal:

|−Rneg| > ESR_Quarz (Startbedingung nach Barkhausen)

Für robuste Designs wird eine Sicherheitsreserve gefordert:

|−Rneg| ≥ 5 · ESR_Quarz (Industriestandard)

|−Rneg| ≥ 10 · ESR_Quarz (Automotive / Industrie mit weitem Temperaturbereich)

Die Anschwingsicherheitsreserve wird als Verhältnis ausgedrückt:

Gain-Margin = |−Rneg| / ESR_Quarz

Messprinzip: Serienwiderstandsmethode

Die Idee ist einfach: Wenn man einen zusätzlichen Serienwiderstand Rtest in den Quarzkreis einfügt, wirkt dieser wie ein zusätzlicher Verlust. Der Oszillator schwingt nur so lange zuverlässig an, wie die Summe aus Rtest und ESR_Quarz kleiner ist als |−Rneg|.

Erhöht man Rtest schrittweise, findet man den kritischen Wert Rtest_krit, bei dem die Schwingung gerade noch anschwingt. Dann gilt:

|−Rneg| = Rtest_krit + ESR_Quarz

Das bedeutet: Mit einem einzigen präzise gemessenen Wert (Rtest_krit) und dem bekannten ESR des eingesetzten Quarzes erhält man direkt |−Rneg| der Oszillatorstufe im realen Design – inklusive aller Layout-, Temperatur- und VCC-Einflüsse.
 

Messaufbau

Schaltungsmodifikation

In die Leitung zwischen Quarz und einem der beiden Kapazitätsknoten (meist XOUT-seitig) wird ein Präzisionswiderstand eingefügt. Die häufigste Umsetzung:

  • Pad für einen 0402- oder 0603-SMD-Widerstand in Serie zu C2 auf der Leiterplatte vorsehen (im Serienlayout meist mit 0 Ω bestückt).
  • Bei bereits gefertigten Boards: Leiterbahn auftrennen und über eine kleine Drahtschleife einen Steckwiderstand einfügen.
  • Alternativ ein Präzisions-Potentiometer mit bekannter Kalibrierkurve verwenden (Vorsicht: parasitäre Kapazität des Potis kann den Arbeitspunkt beeinflussen).

Equipment

  • Satz Präzisionswiderstände 0402 / 0603 in engen Abstufungen: 0 / 10 / 22 / 47 / 68 / 100 / 150 / 220 / 330 / 470 / 680 / 1000 Ω, Toleranz ±1 %
  • Feinlötstation und Pinzette für schnellen Tausch
  • Oszilloskop mit aktivem FET-Tastkopf an XOUT (zur Kontrolle, ob die Schwingung tatsächlich angelaufen ist)
  • Steuerbares Netzgerät (für VCC-Variation), optional Temperaturkammer

Durchführung

  1. Ausgangszustand: Rtest = 0 Ω. Schaltung einschalten, Schwingung am Oszilloskop bestätigen. Amplitude und Startzeit notieren.
  2. Rtest schrittweise erhöhen (z. B. 47 Ω → 100 Ω → 150 Ω → 220 Ω → …). Nach jedem Tausch: Schaltung komplett stromlos, 5 s warten, dann einschalten.
  3. Prüfen, ob der Oszillator anschwingt. Ja/Nein-Entscheidung anhand der Amplitude an XOUT nach 100 ms (MHz-Quarz) bzw. 2 s (32,768-kHz-Quarz).
  4. Mindestens 10 Einschaltvorgänge pro Rtest-Stufe durchführen – die Schwingung muss in jedem Einzelversuch zuverlässig anlaufen.
  5. Den höchsten Rtest-Wert notieren, bei dem die Schwingung in allen 10 Versuchen zuverlässig anläuft: Rtest_pass.
  6. Den niedrigsten Rtest-Wert notieren, bei dem die Schwingung nicht mehr zuverlässig anläuft: Rtest_fail.
  7. Rtest_krit liegt in diesem Intervall. Für präzise Werte Zwischenstufen messen (z. B. zwischen 220 Ω und 330 Ω: 240, 270, 300 Ω).
  8. |−Rneg| berechnen: |−Rneg| = Rtest_krit + ESR_Quarz.

     

Wichtige Randbedingungen:

Das Einfügen von Rtest verändert geringfügig den Arbeitspunkt des Oszillators. Bei sehr niedrigem |−Rneg| kann dieser Effekt einen systematischen Fehler von 5 – 10 % verursachen. Für Relativvergleiche (z. B. Quarz A vs. Quarz B auf demselben Board) ist das unproblematisch.

Die Lastkapazität ändert sich mit Rtest minimal, weil der Widerstand die Phasenbeziehung zwischen Quarz und C2 leicht verschiebt. Für die üblichen Werte Rtest < 1 kΩ ist dieser Effekt < 0,5 pF und damit vernachlässigbar.

Charakterisierung über Temperatur und VCC

|−Rneg| ist nicht konstant, sondern sinkt mit fallender VCC und – bei vielen MCUs – mit tiefer Temperatur. Die vollständige Charakterisierung erfolgt daher über eine Messmatrix:

BedingungVCCTemperatur|−Rneg| typ. (relativ zu +25 °C/Vnom)
ReferenzVnom+25 °C100 %
KaltVnom−40 °C70 – 90 %
WarmVnom+85 °C85 – 100 %
Niedrige VCCVmin+25 °C60 – 80 %
Worst-CaseVmin−40 °C40 – 70 %

Die Anschwingsicherheitsreserve muss im Worst-Case (meist Vmin und −40 °C) noch den Designzielwert (Gain-Margin ≥ 5 bzw. ≥ 10) einhalten.

Rechenbeispiel

Applikation: 16 MHz Quarz, ESR_max (Datenblatt) = 40 Ω. MCU-Spezifikation: ESR_max erlaubt = 60 Ω.

Messergebnisse in der Schaltung bei +25 °C, Vnom:

RtestAnschwingen in 10 von 10 Versuchen?
220 Ωja
270 Ωja
300 Ωja
330 Ω8 von 10
390 Ω2 von 10
470 Ω0 von 10

Ergebnis: Rtest_krit ≈ 300 Ω (höchster Wert mit 100 % Erfolgsquote).

|−Rneg| = 300 Ω + 40 Ω = 340 Ω

Gain-Margin = 340 / 40 = 8,5

Bewertung: Sehr komfortable Reserve bei +25 °C. Wiederholung bei −40 °C / Vmin ergab Rtest_krit = 120 Ω → |−Rneg| = 160 Ω → Gain-Margin = 4,0. Das erfüllt die industrielle Anforderung (≥ 3) und liegt knapp unter der strengen Automotive-Anforderung (≥ 5). Für Automotive-Freigabe: Quarz mit niedrigerem ESR oder höherer Frequenz einsetzen, damit auch im Worst-Case Gain-Margin ≥ 5 erreicht wird.

Zweite Methode: Impedanzmessung bei abgeschaltetem Oszillator (analytisch)

Eine analytische Alternative besteht darin, die Eingangsimpedanz des Oszillatoreingangs im aktiven Zustand, aber ohne Quarz, zu bestimmen. Dies ist nur in Laborumgebungen mit Netzwerkanalysator sinnvoll und wird in der Praxis meist nur von IC-Herstellern zur Datenblattcharakterisierung verwendet.

Für den Entwickler im Feld bleibt die Serienwiderstandsmethode die Methode der Wahl: Sie misst |−Rneg| exakt unter realen Betriebsbedingungen, inklusive aller Layout- und Umgebungseffekte.

Bewertungskriterien der Anschwingsicherheitsreserve

Gain-Margin (|−Rneg| / ESR)BewertungEinsatzempfehlung
< 3unzureichendDesign überarbeiten – niedrigeren ESR, stärkeren Oszillator oder Layout verbessern
3 – 5akzeptabelIndustrie-Standard, kommerzielles Temperaturspektrum
5 – 10gutIndustrie erweitert, robuste Consumer-Produkte
> 10sehr gutAutomotive, Medizintechnik, weite Temperatur- und Lebensdauerbereiche

Maßnahmen bei zu geringer Reserve

  • Quarz mit niedrigerem ESR wählen (LRT-Technologie) oder gegebenenfalls mit höherer Frequenz.
  • Lastkapazität CL reduzieren (falls vom IC zugelassen) – kleinere CL ergibt meist höheres |−Rneg|, aber auch eine höhere Ziehempfindlichkeit in ppm/pF. In diesem Falle sollen C1 und C2 mit einer Toleranz von ±1% gewählt werden, insbesondere bei Wireless-Applikationen.
  • Oszillator-Gain-Stufe im MCU-Register auf höhere Stufe setzen (falls konfigurierbar)
  • Layout verbessern: kürzere Leitungen, dedizierte GND-Insel, keine Signale unter dem Quarz
  • C1 und C2 reduzieren – verringert die kapazitive Belastung und erhöht |−Rneg| (Grenze: CL-Spezifikation muss weiter erfüllt sein)

Weiterführend

Die theoretische Herleitung des negativen Eingangswiderstands, die Barkhausen-Startbedingung und die geforderten Sicherheitsreserven sind im Praxisleitfaden „Quarze optimal auf ICs abstimmen“ (Abschnitte F.1 bis F.4 sowie 1 und 3) ausführlich beschrieben. Dieser Post zeigt die konkrete Labormessung – die zentrale Methode, mit der Sie die Aussage des Leitfadens auf Ihrem realen Design verifizieren.


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FAQ - Fragen und Antworten zu Negativen Eingangswiderstand −Rneg und Anschwingsicherheitsreserve prüfen

Fragen und kurze leicht verständliche Antworten zu Negativen Eingangswiderstand −Rneg und Anschwingsicherheitsreserve prüfen

Was ist der negative Eingangswiderstand −Rneg bei einem Quarzoszillator und warum ist er für das Anschwingen wichtig?

Der negative Eingangswiderstand −Rneg ist die aktive Energiequelle der Oszillatorstufe, die die Verluste im Quarz, insbesondere dessen ESR, ausgleicht. Nur wenn der Betrag von |−Rneg| größer ist als der ESR des Quarzes, kann die Schwingung nach der Barkhausen-Startbedingung sicher anwachsen. In der Praxis entscheidet dieser Wert direkt darüber, wie zuverlässig ein Quarz im realen Zielsystem startet. Das ist besonders wichtig bei niedriger Versorgungsspannung, tiefen Temperaturen und in Low-Power-MCUs mit bewusst schwach ausgelegten Oszillatorstufen. Deshalb ist die Prüfung von |−Rneg| eine zentrale Maßnahme zur Absicherung robuster Quarzdesigns.

Wie lässt sich der negative Eingangswiderstand −Rneg in einer realen Schaltung messtechnisch bestimmen?

Die in der Praxis etablierte Methode ist die Serienwiderstandsmethode, die auch von vielen MCU-Herstellern empfohlen wird. Dabei wird ein zusätzlicher Präzisionswiderstand in den Quarzkreis eingefügt, meist auf der XOUT-Seite zwischen Quarz und Kapazitätsknoten. Dieser Widerstand erhöht die Verluste im Schwingkreis gezielt, bis der kritische Wert Rtest_krit erreicht ist, bei dem der Oszillator gerade noch sicher anschwingt. Aus diesem Messwert und dem bekannten ESR des eingesetzten Quarzes ergibt sich direkt |−Rneg| nach der Beziehung |−Rneg| = Rtest_krit + ESR_Quarz. Der große Vorteil ist, dass damit alle Einflüsse aus Layout, Versorgungsspannung und Temperatur im realen Design automatisch mit erfasst werden.

Welche Anschwingsicherheitsreserve sollte ein Quarzoszillator im industriellen Einsatz erreichen?

Die Anschwingsicherheitsreserve wird als Verhältnis von |−Rneg| zu ESR_Quarz definiert und als Gain-Margin angegeben. Für robuste Designs gilt in der Praxis meist ein Zielwert von mindestens 5, während für Automotive- oder Industrieanwendungen mit weitem Temperaturbereich häufig mindestens 10 gefordert werden. Entscheidend ist dabei nicht nur der Nennbetriebspunkt, sondern vor allem der Worst-Case unter minimaler Versorgungsspannung und tiefer Temperatur. Da |−Rneg| bei vielen MCU-Oszillatorstufen mit sinkender VCC und bei niedrigen Temperaturen abnimmt, muss die Reserve über eine entsprechende Messmatrix abgesichert werden. Nur so lässt sich sicherstellen, dass der Quarz auch unter ungünstigen Betriebsbedingungen zuverlässig anschwingt.

Warum muss die Messung von −Rneg und Gain-Margin über Temperatur und Versorgungsspannung erfolgen?

Der Betrag von |−Rneg| ist keine feste Konstante, sondern hängt vom tatsächlichen Betriebszustand der Oszillatorstufe ab. In vielen Anwendungen sinkt der negative Eingangswiderstand bei fallender Versorgungsspannung und bei tiefen Temperaturen deutlich ab. Dadurch kann ein Design, das bei +25 °C und Nennspannung noch komfortabel funktioniert, im Worst-Case an Reserve verlieren. Genau deshalb sollte die Charakterisierung immer über eine Messmatrix aus Temperatur und VCC erfolgen. Maßgeblich ist, dass die geforderte Gain-Margin auch bei Vmin und beispielsweise −40 °C noch eingehalten wird.

Was kann man tun, wenn die Anschwingsicherheitsreserve eines Quarzoszillators zu gering ist?

Wenn die gemessene Gain-Margin zu niedrig ausfällt, sollte das Design gezielt optimiert werden, bevor es in Serie geht. Eine naheliegende Maßnahme ist der Einsatz eines Quarzes mit niedrigerem ESR, da dadurch die Verluste im Schwingkreis reduziert werden. Im gezeigten Praxisbeispiel wird zudem darauf hingewiesen, dass unter Umständen auch ein Quarz mit höherer Frequenz helfen kann, um die geforderte Reserve im Worst-Case zu erreichen. Zusätzlich ist es sinnvoll, die Schaltung so vorzubereiten, dass ein Serienwiderstand für Mess- und Optimierungszwecke einfach eingefügt werden kann, etwa über ein 0402- oder 0603-Pad in Serie zu C2. Auf diese Weise lässt sich die Oszillatorstufe im realen Layout gezielt bewerten und an die Anforderungen der Anwendung anpassen.

Warum PETERMANN-TECHNIK negativen Eingangswiderstand −Rneg und Anschwingsicherheitsreserve prüfen?

PETERMANN-TECHNIK unterstützt Entwickler bei der Auswahl passender Quarze und bei der messtechnischen Bewertung von Oszillatorschaltungen im realen Zielsystem. Das Unternehmen verbindet fundiertes Know-how zu Quarzen, ESR, Pierce-Oszillatoren und Anschwingsicherheitsreserven mit praxisnaher Design-in-Begleitung. Dadurch erhalten Kunden keine rein theoretische Einschätzung, sondern belastbare Aussagen unter realen Betriebsbedingungen inklusive Layout-, Temperatur- und VCC-Einflüssen. Gerade bei industriellen und anspruchsvollen Anwendungen ist diese Absicherung entscheidend für eine zuverlässige Serienfreigabe. PETERMANN-TECHNIK ist damit ein kompetenter Partner, wenn es darum geht, das Anschwingverhalten von Quarzoszillatoren sicher und reproduzierbar zu verifizieren.

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